A

Anlage (Dispositio)

Eine Neigung, auf bestimmte Weise zu reagieren. Manche Menschen werden beispielsweise schnell unruhig, andere bleiben eher gelassen. Eine Anlage beeinflusst, was uns leicht- oder schwerfällt; sie legt unser Verhalten nicht vollständig fest.

Beispiel: Bei Kritik spüre ich schnell den Impuls, mich zu verteidigen.

Frage für das Gespräch: Was fällt mir von meiner Anlage her leicht, und was verlangt mehr Übung?

B

Begehren und Impulse (Appetitus)

Unsere sinnlichen Neigungen: Wir fühlen uns zu etwas Angenehmem hingezogen oder möchten etwas Unangenehmes vermeiden. Ein Impuls drängt in eine Richtung; wie wir damit umgehen, ist eine weitere Frage.

Beispiel: Nach einem anstrengenden Tag möchte ich sofort etwas essen, obwohl ich keinen Hunger habe.

Frage für das Gespräch: Was zieht mich gerade an? Was möchte ich vermeiden?

Bewertung einer Situation (Vis Cogitativa)

Die Fähigkeit, eine konkrete Situation rasch einzuschätzen: Ist das für mich nützlich, angenehm, schädlich oder bedrohlich? Dabei spielen Wahrnehmungen, Erinnerungen und innere Bilder zusammen. Diese erste Einschätzung ist von einem überlegten Urteil zu unterscheiden.

Beispiel: Ein ernster Gesichtsausdruck wirkt auf mich sofort wie Ablehnung.

Frage für das Gespräch: Wie habe ich die Situation zuerst eingeschätzt? Welche weiteren Deutungen gibt es?

C

Charakter

Unsere über längere Zeit gewachsenen Haltungen und Gewohnheiten, die sich in Entscheidungen und Handlungen zeigen. Dazu gehören beispielsweise Zuverlässigkeit, Geduld oder die Gewohnheit, vorschnell zu reagieren.

Beispiel: Ich bemühe mich, Zusagen einzuhalten, auch wenn es unbequem wird.

Frage für das Gespräch: Welche Haltung möchte ich im Alltag stärken?

D

E

Entscheiden und Wollen (Voluntas – Wille)

Die Fähigkeit, ein erkanntes oder für gut gehaltenes Ziel anzustreben und eine Handlung zu wählen. Der Wille arbeitet mit dem Denken zusammen und kann den Umgang mit Impulsen und Gefühlen beeinflussen.

Beispiel: Ich bin verärgert und entscheide mich, erst nach einer Pause zu antworten.

Frage für das Gespräch: Was möchte ich mit meiner nächsten Handlung erreichen?

Erinnerung (Memoria)

Die Fähigkeit, frühere Wahrnehmungen und Erlebnisse zu bewahren und wieder aufzurufen. Erinnerungen können beeinflussen, wie wir eine gegenwärtige Situation einschätzen und welche Gefühle entstehen.

Beispiel: Ein bestimmter Tonfall erinnert mich an eine frühere Auseinandersetzung.

Frage für das Gespräch: Was gehört zu der heutigen Situation, und was erinnert mich an früher?

F

G

Gefühle und Leidenschaften (Passiones)

In der thomistischen Sprache sind Leidenschaften innere Bewegungen des sinnlichen Begehrens: etwa Liebe, Freude, Traurigkeit, Furcht oder Zorn. Sie können uns auf etwas hinziehen oder von etwas wegführen und gehen mit körperlichen Veränderungen einher. Das Wort bezeichnet hier auch ganz alltägliches Erleben.

Beispiel: Ich höre eine erfreuliche Nachricht und spüre Freude und körperliche Belebung.

Frage für das Gespräch: Welches Gefühl bemerke ich? Worauf richtet es sich, und wozu drängt es mich?

Gerechtigkeit (Iustitia)

Die Haltung, anderen das zu geben, was ihnen zusteht, und eigene Ansprüche ebenfalls angemessen zu berücksichtigen. Sie hilft, Beziehungen fair zu gestalten und Verpflichtungen ernst zu nehmen.

Beispiel: Ich achte auf die Bedürfnisse meines Gegenübers und benenne zugleich meine Grenzen.

Frage für das Gespräch: Was ist in dieser Situation mir und dem anderen gegenüber fair?

Gewissen

Ein Urteil über eine konkrete Handlung: Ist das, was ich tun möchte oder getan habe, richtig oder falsch? Dafür wenden wir unser Wissen und unsere Überzeugungen auf die Situation an. Auch ein solches Urteil braucht sorgfältige Prüfung.

Beispiel: Ich überlege, ob es richtig wäre, einen Fehler zu verschweigen.

Frage für das Gespräch: Was genau beurteile ich, und worauf stütze ich mein Urteil?

Gewohnheit (Habitus)

Eine beständige Ausrichtung, die unsere Handlungen erleichtert und oft durch Wiederholung entsteht. Gewohnheiten können hilfreich oder hinderlich sein. Wiederholtes anderes Handeln kann erworbene Gewohnheiten verändern.

Beispiel: Bei Unsicherheit frage ich immer wieder nach Bestätigung.

Frage für das Gespräch: Welche Gewohnheit hilft mir? Welche möchte ich schrittweise verändern?

Göttliche Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe

Diese drei Tugenden richten den Menschen unmittelbar auf Gott aus. Sie heissen eingegossene Tugenden, weil sie nach christlichem Verständnis von Gott geschenkt werden und nicht allein durch menschliche Übung entstehen.

  • Glaube (fides): Gottes offenbarte Wahrheit annehmen, weil Gott selbst wahrhaftig ist.
    Beispiel: Ein Mensch vertraut darauf, dass Gott ihn liebt, auch wenn er diese Liebe gerade nicht spürt.

  • Hoffnung (spes): Die ewige Gemeinschaft mit Gott erhoffen und auf Gottes Hilfe vertrauen, sie zu erreichen.
    Beispiel: Nach einem schweren Fehler bittet ein Mensch um Vergebung und beginnt neu, statt sich endgültig aufzugeben.

  • Liebe (caritas): Gott um seiner selbst willen lieben und aus Liebe zu Gott dem Mitmenschen Gutes wollen.
    Beispiel: Ein Mensch unterstützt einen einsamen Nachbarn, auch wenn ihm das Mühe macht und keine Anerkennung einbringt.

Gnade und eigene Mitwirkung

Gnade ist Gottes unverdientes Geschenk. Wir können sie nicht durch Leistung erzwingen. Sie hebt unsere Freiheit jedoch nicht auf: Wir dürfen zustimmen, vertrauen und handeln – etwa durch Gebet, das Suchen nach Wahrheit, die Teilnahme an den Sakramenten und gelebte Nächstenliebe. Auch dieses Mitwirken wird von Gottes Gnade getragen.

Wichtig: Diese Tugenden sind keine blossen Gefühle. Hoffnung ist mehr als Optimismus, und Liebe mehr als Zuneigung. Sie können auch dann wirksam sein, wenn ein Mensch traurig ist, Angst empfindet oder keine religiöse Begeisterung spürt.

Merksatz: Gott schenkt und befähigt; der Mensch antwortet frei und lebt aus diesem Geschenk.

Gut und Ziel

Ein Gut ist etwas, das wir als wertvoll oder erstrebenswert ansehen. Ein Ziel beschreibt, was wir mit einer Handlung erreichen möchten. Was zunächst angenehm erscheint, kann andere Folgen haben als erwartet; deshalb lohnt es sich, das angestrebte Gut genauer zu prüfen.

Beispiel: Ich wünsche mir Ruhe und sage deshalb ein wichtiges Gespräch ab.

Frage für das Gespräch: Welches Gut suche ich? Welche Folgen hat der gewählte Weg?

Glückseligkeit

Für Thomas von Aquin ist das gute und gelungene Leben (vita beata) die vollkommene Glückseligkeit (beatitudo), die der Mensch durch die Gemeinschaft mit Gott erreicht. Er verbindet dabei die antike Philosophie von Aristoteles mit der christlichen Theologie.

Das Konzept teilt sich bei ihm in zwei Stufen:

1. Das unvollkommene Glück auf Erden (beatitudo imperfecta)

Im irdischen Leben besteht ein gutes Leben darin, vernunftgemäss und tugendhaft zu handeln. Dazu gehoren:

  • Die Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mässigung. Sie ordnen das menschliche Zusammenleben und das eigene Verhalten.
  • Die göttlichen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung. Sie richten den Menschen bereits auf der Erde auf Gott aus.
  • Das Gemeinwohl: Ein gutes Leben ist für Thomas kein rein egoistisches Projekt. Der Mensch ist ein schöpfungsgemäss soziales Wesen (animal sociale), das nur in einer gerechten Gemeinschaft gut leben kann.
  • Irdische Güter können das endgültige Glück nicht erfüllen. Thomas untersucht ausdrücklich Reichtum, Ehre, Macht und Lust und erklärt, warum keines davon die vollkommene Glückseligkeit ausmacht. Diese Dinge sind deshalb nicht alle schlecht: Sie können begrenzte Güter sein, erfüllen aber nicht das gesamte menschliche Streben.

2. Das vollkommene Glück im Jenseits (beatitudo perfecta)

Das absolut höchste Gut und das eigentliche Ziel des menschlichen Lebens kann laut Thomas nicht durch irdische Güter wie Reichtum, Ehre, Macht oder körperliche Lust erreicht werden.

  • Das wahre „gute Leben" findet seine Vollendung erst nach dem Tod in der Anschauung Gottes (visio beatifica).
  • Da der menschliche Verstand nach absoluter Wahrheit und der menschliche Wille nach absolutem Guten strebt, wird dieses Streben erst zur Ruhe kommen, wenn der Mensch Gott von Angesicht zu Angesicht sieht.

Zusammengefasst: Ein gutes Leben im Hier und Jetzt bedeutet für Thomas von Aquin, tugendhaft, vernünftig und in Liebe zu den Mitmenschen zu leben, während das Herz gleichzeitig auf das höchste Ziel - die ewige Gemeinschaft mit Gott - ausgerichtet ist.

H

Heil werden

Nach Thomas werden wir Menschen durch Gottes Gnade heil: Wir nehmen sie im Glauben an und wirken durch Hoffnung, Liebe und gutes Handeln mit ihr zusammen. Die Vollendung liegt in der Gemeinschaft mit Gott – körperliche oder psychische Gesundheit ist dafür keine Voraussetzung.


Nach Thomas können wir Gottes Gnade annehmen und mit ihr mitwirken:

  • Wahrheit suchen und den Glauben vertiefen.
  • Beten und die Sakramente empfangen.
  • Gott und den Nächsten lieben.
  • Tugenden einüben und das Gute tun.
  • Eigene Fehler bereuen und umkehren.


Das Heil bleibt Gottes Geschenk; wir können es nicht allein aus eigener Kraft erreichen.

I

Innere Bilder (Phantasmata)

Bilder oder anschauliche Vorstellungen, die in uns gegenwärtig sind. Sie können aus Wahrnehmungen und Erinnerungen entstehen oder eine vorgestellte Zukunft zeigen. Solche Bilder können Gefühle und Erwartungen beeinflussen.

Beispiel: Vor einem Gespräch sehe ich innerlich bereits, wie es schlecht ausgeht.

Frage für das Gespräch: Welches Bild habe ich vor Augen? Was davon ist bereits geschehen, was stelle ich mir vor?

Intellektuelle Tugenden – gute Haltungen des Denkens

Intellektuelle Tugenden helfen uns, Wahrheit zu erkennen, Zusammenhänge zu verstehen und richtig zu urteilen. „Tugend“ bedeutet hier eine beständige Fähigkeit, den Verstand gut zu gebrauchen. Im Glossar unterscheiden wir drei:


Einsicht (intellectus)

Die Fähigkeit, grundlegende Wahrheiten unmittelbar zu erkennen. Diese „ersten Prinzipien“ bilden die Grundlage unseres Nachdenkens.

Beispiel: Eine Aussage und ihr Gegenteil können nicht gleichzeitig im selben Sinn wahr sein. Eine Person kann beispielsweise nicht zugleich anwesend und nicht anwesend sein – am gleichen Ort und zur gleichen Zeit.

Frage für das Gespräch: Welche grundlegenden Tatsachen oder Zusammenhänge muss ich bei meiner Überlegung berücksichtigen?


Wissenschaft oder begründetes Wissen (scientia)

Die Fähigkeit, aus bekannten Grundlagen richtige Schlussfolgerungen zu ziehen und zu verstehen, warum etwas so ist. Gemeint ist ein geordnetes, begründetes Wissen, das über eine blosse Meinung hinausgeht.

Beispiel: Ich kann eine Schlussfolgerung Schritt für Schritt begründen und prüfen, ob sie tatsächlich aus meinen Voraussetzungen folgt.

Frage für das Gespräch: Worauf stütze ich meine Aussage? Folgt meine Schlussfolgerung wirklich daraus?


Weisheit (sapientia)

Die Fähigkeit, einzelne Erkenntnisse in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen und nach ihren letzten Ursachen und Gründen zu fragen. In der thomistischen Philosophie gehört dazu die Betrachtung Gottes als letzter Ursache und höchstem Gut.

Beispiel: Ich frage mich nicht nur, wie ich ein Ziel erreiche, sondern auch, welchen Platz dieses Ziel in einem guten und sinnvollen Leben hat.


Frage für das Gespräch: Wie passt das, was ich anstrebe, zu meinen grundlegenden Lebenszielen?


Zum Merken: Einsicht erkennt Grundlagen. Begründetes Wissen erschliesst Zusammenhänge. Weisheit betrachtet das Ganze und seine letzten Gründe.


Die Klugheit (prudentia) verbindet gutes Denken mit konkretem Handeln: Sie hilft zu erkennen, was hier und jetzt zu tun ist. Sie ist ebenfalls eine intellektuelle Tugend und gehört zugleich zu den vier Kardinaltugenden.

J

K

Klugheit (Prudentia)

Die geübte Fähigkeit, zu überlegen, was in einer konkreten Situation sinnvoll und gut ist und welche Mittel dazu passen. Dazu gehören Abwägen, Rat annehmen sowie Umstände und Folgen berücksichtigen.

Beispiel: Ich prüfe vor einer Zusage, ob ich Zeit und Kraft dafür habe.

Frage für das Gespräch: Was wäre hier ein guter Schritt? Was muss ich dabei berücksichtigen?

Kardinaltugenden (sittliche Tugenden)

Die vier grundlegenden guten Haltungen, die uns helfen, im Alltag verantwortlich zu handeln. „Kardinal“ stammt vom lateinischen cardo, „Türangel“: Wie eine Tür sich um ihre Angel bewegt, hängt gutes Handeln wesentlich mit diesen Tugenden zusammen.

  • Klugheit (prudentia): Erkennen, was in einer konkreten Situation gut und angemessen ist, und einen passenden Weg wählen.
  • Gerechtigkeit (iustitia): Jedem geben, was ihm zusteht; Rechte, Bedürfnisse und Verpflichtungen berücksichtigen.
  • Tapferkeit (fortitudo): Ein wichtiges Gut trotz Angst, Mühe oder Schwierigkeiten verfolgen.
  • Masshalten (temperantia): Wünsche und angenehme Dinge so ordnen, dass sie zu einem guten Leben beitragen.

Diese Haltungen können durch wiederholtes entsprechendes Handeln wachsen. In der thomistischen Lehre können sie auch durch Gottes Gnade geschenkt werden.

Beispiel: Ich spreche einen Konflikt überlegt an, berücksichtige mein Gegenüber, überwinde meine Scheu und mässige meinen Ärger.

Frage für das Gespräch: Welche dieser vier Haltungen könnte mir in meiner gegenwärtigen Situation helfen?

L

Laster – eine schädliche feste Gewohnheit

In der thomistischen Sprache ein beständiger Habitus, der das Erkennen oder Handeln vom Guten wegführt. Im Gespräch kann man zunächst das konkrete, wiederkehrende Muster benennen. Der Begriff beschreibt eine Gewohnheit; er ist weder eine Diagnose noch eine Bezeichnung für jede unangenehme Gefühlsregung.

Beispiel: Ich reagiere wiederholt mit verletzenden Worten und schade dadurch meinen Beziehungen.

Frage für das Gespräch: Welches wiederkehrende Verhalten verursacht Schaden? Welche andere Haltung möchte ich einüben?

M

Masshalten (Temperantia)

Die Haltung, angenehme Dinge so zu nutzen, dass sie zu unseren Bedürfnissen und Zielen passen. Es geht um ein angemessenes Maß und um die Ordnung unserer Wünsche.

Beispiel: Ich geniesse eine Freizeitbeschäftigung und beende sie rechtzeitig, um eine Zusage einzuhalten.

Frage für das Gespräch: Welches Maß tut mir gut und passt zu meinen übrigen Anliegen?

N

O

P

Persönlichkeit

Die Gesamtheit dessen, was einen Menschen prägt: seine Anlagen, körperlichen Eigenschaften, Erfahrungen, Denkweisen, Gefühle, Gewohnheiten und Ausdrucksformen. Der Charakter ist ein Teil dieser Persönlichkeit.

Beispiel: Ich bin eher zurückhaltend, habe bestimmte Erfahrungen gemacht und lege Wert auf Verlässlichkeit.

Frage für das Gespräch: Welche Eigenschaften prägen mich? Welche davon möchte ich weiterentwickeln?

Q

R

S

Seelenvermögen – unsere Fähigkeiten (Potentiae animae)

Die traditionelle Bezeichnung für Fähigkeiten, durch die wir wahrnehmen, erinnern, vorstellen, verstehen, beurteilen und wollen. Sie wirken zusammen; die Unterscheidung hilft, eine innere Reaktion genauer zu beschreiben.

Beispiel: Ich nehme etwas wahr, erinnere mich an Früheres, bewerte es und entscheide, was ich tue.

Frage für das Gespräch: Was spielt bei meiner Reaktion besonders mit: Wahrnehmung, Erinnerung, Vorstellung, Urteil oder Wunsch?

T

Tapferkeit (Fortitudo)

Die Haltung, ein wichtiges Gut trotz Mühe oder Schwierigkeit anzustreben. Dazu gehören Ausdauer und ein angemessener Umgang mit Furcht. Es geht darum, Schwierigkeiten um eines guten Zieles willen zu begegnen.

Beispiel: Ich spreche ein schwieriges Thema respektvoll an, obwohl mir dabei unwohl ist.

Frage für das Gespräch: Welches wichtige Anliegen möchte ich trotz der Schwierigkeit verfolgen?

Temperament

Unser typisches Muster, wie schnell, stark und langanhaltend wir auf Eindrücke reagieren. Es hängt im Kurs besonders mit der natürlichen Anlage zusammen. Die Betrachtung solcher Muster hilft, eigene Reaktionen kennenzulernen, ohne die Person auf einen Typ festzulegen.

Beispiel: Ich brauche nach einer Aufregung länger, bis ich mich wieder beruhigt habe.

Frage für das Gespräch: Wie reagiere ich gewöhnlich? Was erleichtert mir einen angemessenen Umgang damit?

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin (um 1225–1274) war ein christlicher Philosoph, Theologe und Priester des Dominikanerordens. Er wurde bei Aquino im heutigen Italien geboren und lehrte unter anderem in Paris und Italien. Zu seinen wichtigsten Werken gehört die ** Summa theologiae **, eine umfassende Darstellung der christlichen Theologie.

Thomas griff die Philosophie des Aristoteles auf, prüfte sie und verband sie mit dem christlichen Glauben. Dabei unterschied er zwischen Erkenntnissen der natürlichen Vernunft und Wahrheiten, die durch göttliche Offenbarungerschlossen werden. Für ihn können wahre Vernunfterkenntnis und wahrer Glaube einander nicht widersprechen.

Für die philosophische Psychologie ist seine Lehre vom Menschen als Einheit aus Leib und Seele besonders wichtig. Er untersuchte Wahrnehmung, Denken, Gefühle und Willen sowie die Bedeutung der Tugenden für ein gutes Leben.

Die katholische Kirche sprach ihn 1323 heilig und erhob ihn 1567 zum Kirchenlehrer. Dieser Titel würdigt die besondere Bedeutung seiner Lehre für das Verständnis des Glaubens. Thomas wird auch ** Doctor angelicus – „engelgleicher Lehrer“** genannt.

Beispiel: Wenn wir fragen, wie Gefühle und vernünftige Entscheidungen zusammenwirken, beschäftigen wir uns mit einem Thema, das Thomas ausführlich untersucht hat.

Frage zum Nachdenken: Was können Vernunft und Glaube jeweils zum Verständnis meines Lebens beitragen?

Tugend – eine gute geübte Haltung

Ein beständiger guter Habitus: eine Haltung, die uns hilft, gut zu erkennen oder zu handeln. Im Alltag zeigt sie sich beispielsweise als Geduld, Fairness, Besonnenheit oder Ausdauer. Erworbene Tugenden wachsen durch entsprechende Übung.

Beispiel: Ich übe, bei Meinungsverschiedenheiten aufmerksam zuzuhören.

Frage für das Gespräch: Welche gute Haltung würde mir in dieser Situation helfen?

U

Urteil – etwas für wahr oder falsch halten

Ein Urteil ist eine Aussage darüber, wie etwas ist. Wir verbinden Informationen und gelangen zu einer Einschätzung. Dabei können wir zutreffend oder irrtümlich urteilen. Ein überlegtes Urteil ist von einer ersten spontanen Bewertung zu unterscheiden.

Beispiel: Aus einer ausbleibenden Antwort schliesse ich: „Die Person will nichts mehr mit mir zu tun haben.“

Frage für das Gespräch: Welche Aussage halte ich gerade für wahr? Welche Tatsachen sprechen dafür oder dagegen?

V

Verstehen und Nachdenken (Intellectus Possibilis; Ratio)

Im Kurs umfasst geistiges Erkennen drei Tätigkeiten: verstehen, was etwas ist; darüber urteilen; aus Urteilen Schlussfolgerungen ziehen. Nachdenken hilft, erste Eindrücke und Deutungen genauer zu prüfen.

Beispiel: Ich überlege, was eine Nachricht tatsächlich aussagt und welche Schlüsse daraus folgen.

Frage für das Gespräch: Was weiss ich? Was vermute ich? Wie komme ich zu meiner Schlussfolgerung?

Vorstellungsvermögen (Imaginatio)

Die Fähigkeit, Wahrgenommenes innerlich gegenwärtig zu halten und sich etwas auch bei Abwesenheit des Gegenstandes vorzustellen. Sie arbeitet mit Erinnerung und Bewertung zusammen. Im Therapiegespräch lässt sich untersuchen, welche Vorstellungen gerade wirksam sind.

Beispiel: Ich stelle mir vor, wie ein bevorstehendes Gespräch verlaufen könnte.

Frage für das Gespräch: Welche Vorstellung beeinflusst meine Reaktion? Welche weiteren Möglichkeiten kann ich mir vorstellen?

W

X, Y, Z